Ich sitze zwischen zwei alten Eichen auf einem Hochsitz circa acht Meter über dem Erdboden. Weit und breit um mich Natur wie in einem großen Bilderbuch. Es ist neun Uhr morgens. Gezwitscher, Gezirpe und Geträller ergeben ein Konzert der besonderen Art. Ein sanfter Wind umspielt mich, während ich hier im Schatten der Blätter diese Zeilen schreibe. Der Himmel ist azurblau und es ist einer jener Morgen, die durch ihre Klarheit bezaubern. Ich habe den Hochsitz von Weitem gesehen. Umgeben von einer riesigen Wiese, das Gras meterhoch.

Für einen kurzen Augenblick hatte ich den Impuls, oben auf dem Hochsitz schreiben zu wollen. Doch der bevorstehende Gang durch das meterhohe Gras ließ mich zunächst davon abkommen. Innerlich sagte ich zu mir selbst: „Ja, wenn da jetzt eine Schneise wäre, ein Weg, der zu diesen beiden Bäumen und dem Hochsitz führt, dann würde ich meinen Wunsch in die Tat umsetzen.“ Ich beobachtete mein Gedankenspiel und lächelte innerlich über meine Ansprüche. So ging ich am Wiesenrain entlang und spähte verstohlen nach einem Trampelpfad, der mich vielleicht doch noch zu dem himmlischen Platz führen würde. Ich gelangte schließlich an das Ende der Wiese, wo ein paar Büsche den Rand säumten. Als ich daran vorbeigegangen war, eröffnete sich mir eine breite abgemähte Spur, die direkt zum ersehnten Platz führte. Ich war berührt, freute mich sehr und sitze nun dankbar hier und schreibe über das Brechen mit Gewohnheiten.

 

Die Gewohnheit ist der Feind der Lebendigkeit

Gewohnheiten geben dem Unsicheren Halt und die Illusion von Beständigkeit. Der Verursacher der Gewohnheit ist das Ego, das um seine Sicherheit, um seinen Erhalt ewig bangt. In der Gewohnheit ist alles vertraut – bleibt alles beim Alten. Veränderung und Wandel sind ihre Gegenspieler. In der Gewohnheit müssen wir uns auf nichts Neues einlassen – können so bleiben, wie wir sind. So kann unser Scheinselbst weiter bestehen bleiben. In der Gewohnheit haben wir alles unter Kontrolle. Es gibt nur Bekanntes und Vertrautes.

 

Leben bedeutet Wandel und Veränderung. Leben bedeutet Entwicklung, spiralförmige Bewegung, Form schaffende Dynamik.  Es bedeutet zu wachsen und den innersten Kern in die wesensgemäße Entfaltung zu bringen. Gewohnheit kommt einem Laufen im Kreise gleich. Sie hält uns in unserer Trägheit, in unserer Komfortzone gefangen und verhindert, dass wir unsere wahre Identität entdecken. Es gibt unendlich viele Gewohnheiten. Sie sind zum einen eine Art Ersatzbefriedigung für die ungelebten und verdrängten Wünsche und Hoffnungen, zum anderen bieten sie Schutz vor dem Leben, vor der Veränderung.

 

Wir unterscheiden zwischen guten und schlechten Gewohnheiten. Die guten werden meist nie hinterfragt, warum auch? Die schlechten hingegen führen uns oft in eine Abhängigkeit und erzeugen ein schlechtes Gewissen, wenn klar wird, dass sie uns schaden. Einige dieser schädlichen Gewohnheiten blockieren regelrecht den Weg in ein befreites Sein. Ähnlich einer Schallplatte, die einen Sprung hat, wiederholt sich hier alles. Die Platte hängt.

 

Je bewusster wir sind, desto schneller erkennen wir, dass unsere Gewohnheiten ein kräftiges Auf-der-Stelletreten hervorrufen. Egal, ob es das abendliche Fernsehen, der Stammtischbesuch oder der wöchentliche Sonntagsspaziergang ist. Es gibt aber noch weitaus subtilere Gewohnheiten aus dem Reich unserer Psyche, wie beispielsweise die Gewohnheit, Dinge auf die lange Bank zu schieben, Entscheidungen anderen zu überlassen, immer alles alleine tun zu müssen.

 

Das Blickfeld erweitern – mehr vom Leben einladen

Es gibt viele Gewohnheiten in unseren Handlungen und noch mehr in unseren Ansichten und Einstellungen.  Letztere bedeuten, dass ich meinen Fokus wie bei einem Fotoapparat auf einen bestimmten Blickwinkel eingestellt habe. Je nach Art der Einstellung kann dieser weit oder eng, unscharf oder scharf sein. Ein enges Blickfeld zeigt mir nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was ist. Es geht einher mit Intoleranz, Angst vor der Andersartigkeit, mit einer gewissen Sturheit und Unbeweglichkeit.  Das Leben verläuft zum größten Teil auf eingefahrenen Gleisen und in gewohnter Weise. Das, was im Außen passiert und geschieht, ruft Reaktionen hervor. Automatismen sind an der Stundenordnung. Viele dieser Einstellungen sind geschlechts- und kulturspezifisch einfach übernommen worden. Die Zeit ist reif, sie zu hinterfragen. Warum tun wir das, was wir tagtäglich tun? Warum sagen wir Dinge, die wir nicht so meinen, warum denken wir so über eine Angelegenheit, einen anderen Menschen?

 

Gewohnheiten wahrnehmen und durchbrechen

Mache dir eine Liste über deine Gewohnheiten. Beobachte dich einige Tage, vielleicht auch Wochen und notiere, was dir auffällt. Dann beschäftige dich mit jeder einzelnen Gewohnheit. Nimm Stellung dazu. Frage dich selbst, ob dir diese Gewohnheit dienlich ist. Vertraue darauf, tief in dir findest du die Antworten auf alle deine wichtigen Fragen. Wenn du dich ganz auf dich einlässt, wirst du wissen, was für dich förderlich oder behindernd ist. Wenn du dann herausgefunden hast, dass es mehrere Gewohnheiten gibt, die dir nicht mehr gut tun, dann ordne sie nach Priorität von 1-10, z.B. so: Die Gewohnheit mit der Zahl eins hat die höchste Dringlichkeitsstufe in puncto Veränderung. Wenn du nun so weit bist, dass du weißt, was du aufgeben willst, um wieder lebendiger und freier zu werden, überlege dir im Vorfeld, wodurch du die alte Gewohnheit ersetzen kannst. Wenn du dir das nicht vorher bewusst machst, landest du wahrscheinlich wieder da, wo du warst, oder du suchst dir unbewusst einen Ersatz, der nicht wesentlich besser für dich ist.

 

Ein Beispiel aus meinem Leben

Ich möchte hier ein Beispiel aus meinem Leben anführen: Als ich vor mehr als dreißig Jahren für ein ganzes Jahr ins USA auf Reisen war, beschloss ich, mich von der lästigen Gewohnheit des Rauchens zu befreien. Es hatte einige Anläufe gegeben und darauf folgten die Rückfälle. Ich fragte mich: Warum?  Dabei fiel mir auf, dass ich mir all diese Male keinen förderlichen Ersatz gesucht hatte. So fing ich an, das Nikotin mittels Süßigkeiten zu ersetzten. Die Pfunde kamen schnell und meine Befürchtung dick und unförmig zu werden ließen mich bald wieder zur Zigarette greifen. Vor dreißig Jahren war man bei weitem noch nicht so bewusst, was Ernährung und Bewegung anging.

So bedurfte es eben einiger Anläufe, bis ich begriff, dass ich statt dem Rauchen ebenso etwas tun konnte, das für mich und meinen Körper wohltuend war. Ich begann damals im Central Parc von New York City das Laufen. Ab diesem Zeitpunkt war mein Vorsatz, das Rauchen aufzugeben, erfolgreich. Dem Laufen bin ich bis heute treu geblieben, wenngleich nicht mehr in der intensiven Form wie damals. Ich beziehe daraus seither eine große Freude an der Bewegung, eine große Vitalität und ein Wohlgefühl.

 

Einen Ersatz für die schlechte Gewohnheit schaffen

Auch du kannst so mit deinen Gewohnheiten umgehen. Überlege dir im Vorfeld einen guten Ersatz und fasse dann einen klaren Entschluss. Erkenne deine Gewohnheiten und beginne sie zu hinterfragen. Durchbreche deine Gewohnheiten, klinke dich aus dem Timer deines Egos aus. Erkenne deine wahren Bedürfnisse.

Nimm ein weiteres Blatt Papier und schreibe alles auf, was du gerne tun würdest, wenn nicht das und das und das noch zu tun wäre. Schreibe alles auf, was du auf später verschoben hast. Zum Beispiel es dir gut gehen zu lassen, ein Instrument spielen zu lernen, eine Reise zu einem besonderen Ort dieser Erde zu machen, einen guten Freund zu besuchen, eine Sprache zu erlernen oder ähnliches. Jetzt nimm dir kleine Karteikärtchen und schreibe auf jedes Kärtchen einen deiner Wünsche. Bewahre die Kärtchen griffbereit auf. Wenn du dich dann dabei ertappst – weil du dich mittlerweile schon besser wahrnimmst – dass du dich gerade wieder für eine Gewohnheit entscheidest, nimm die Karten und konzentriere dich auf dich selbst. Frage dich, was dir jetzt im Moment gut tun würde und, um die Antwort zu finden, zieh ein Kärtchen. Setze das, was drauf steht, unmittelbar in die Tat um. Mache zumindest den ersten Schritt in diese Richtung. Besorge dir zum Beispiel den entsprechenden Sprachführer oder Reisekatalog, suche im Telefonbuch nach der Telefonnummer für den Gesangslehrer und so weiter.

 

Mit dieser Methode kannst du der starken Macht deiner Gewohnheit Schritt für Schritt entkommen. Hast du es dann bereits einige Male geschafft, fällt es dir zunehmend leichter, von deinen Gewohnheiten loszulassen. Denjenigen, deren Verstand jetzt sofort einwirft: „Wie, ich soll nicht mehr selbst bestimmen, die Kontrolle aufgeben und stattdessen mein Leben dem Zufall überlassen?“, denjenigen sei gesagt: „Du überlässt es nicht dem Zufall, sondern deiner höheren Intelligenz, deinem höheren Selbst. Es weiß, was gut für dich ist, da es weit mehr weiß als dein Verstand. Auf diese Weise entkommst du der Diktatur deines Verstandes. Betrachte es als Spiel, vielleicht findest du Gefallen daran. Du wirst sehen, dein Leben wird auf diese Weise vielfältiger, lebendiger und voller Wunder.“

Auszug aus meinem Buch Die Zeit ist reif für Dich!

 

 

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